Dienstag, 26. Mai 2015

#2 Buchstabensalat

(1. Teil)

Estelle
31. Oktober 1652

Das kleine Mädchen lief die Straße entlang, an der Brücke vorbei bis zum Tor. Die Mutter hatte ihm erlaubt zum großen Feuer am Fluss zu gehen. „Heute ist Samhain, Estelle. Die Menschen lassen für die Verstorbenen die Kerzen schwimmen. Lauf zu ihnen und zünde eine Kerze für Vater an.“

Estelle trat durch das Stadttor und auf die Wiese am Fluss. Im Schein der Abendsonne leuchtete der Himmel, als ob er in Flammen stünde und das Wasser des Flusses schimmerte wie flüssiges Gold. Die einzelnen Bäume auf der Wiese vor der Stadt warfen ein letztes Mal ihren Schatten auf die Menschen, die sich am Feuer versammelt hatten, ehe die Nacht hereinbrach. Es war Vollmond. Im hellen Mondschein warf die Stadt, mit ihrer gewaltigen Mauer und den Türmen, dunkle und bedrohliche Schatten.
Estelle hielt sich in der Nähe der Menschen und des Feuers. Mit der Dunkelheit kam auch das Läuten der Glocken und die Menschen vor der Stadt begannen zu singen. Estelle holte die Kerze, die ihre Mutter ihr mitgegeben hatte, aus ihrer Jackentasche hervor und ließ sie sich anzünden. „Hallo, Estelle, zündest du eine Kerze für deinen Vater an?“, fragte sie jemand und Estelle blickte auf. Vor ihr stand Wilma, ihre Nachbarin. Sie strich Estelle über den Kopf und begleitete das Mädchen zum
Fluss. Dort setzten sie die brennenden Kerzen ins Wasser und schauten ihnen nach, wie sie von der Strömung flussabwärts getrieben wurden. „Wir denken an dich, Vater!“,
flüsterte Estelle, ehe sie sich wieder von der singenden Menschenmenge und dem tröstlich wärmenden Feuer abwandte und zum Stadttor lief.

© by Isana Nadeya

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Das war der erste Teil meiner Kurzgeschichte 'Estelle'.
Ich hoffe es hat euch gefallen!

Liebe Grüße,
Isana

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