Donnerstag, 18. Juni 2015

#5 Buchstabensalat

Auszug aus einer Kurzgeschichte
1. Sicht
(Helena)


Sie liefen leise und eilig in Richtung ihres Dorfes zurück. Die Sonne war bereits unter gegangen und der Mondschein drang nur schwach durch das dichte Blätterdach. Helena hielt ihren kleinen Bruder an der Hand und zerrte ihn mit sich. „Lauf schneller, Timo! Ma und Pa warten mit dem Abendessen auf uns!“ Hinter ihnen und vor ihnen liefen weitere Kinder, Mirja, Henri, Fleur und Sam. Sie waren im Wald spielen gewesen und nun war es wieder Zeit nach Hause zu gehen.

Als sie aus dem Wald traten, sahen sie es. Hell auflodernde Flammen, die den dunklen Nachthimmel erhellten und auf dem Hügel, wo die ersten Häuser standen, sahen sie wie einzelne Menschen von etwas getroffen wurden und zusammen brachen. Schreie und Waffengeklirre klangen zu ihnen herüber und der Rauch brannte ihnen in den Augen… Plötzlich sah Helena eine Gestalt ganz in schwarz gekleidet. In jeder Hand hielt er ein Schwert. „Der Nachtschatten!“, flüsterte Mirja entsetzt und Henri entgegnete: „Jetzt ist es soweit, jetzt werden auch wir sterben…“ „Sag doch so was nicht!“, greinte Fleur und Sam, ihr Bruder, nahm sie in den Arm… Helena schrie auf, als sie sah, wie der Nachtschatten die eine Hand hob, in ihre Richtung zeigte und etwas rief. Wolfsreiter erschienen und Helena packte ihren kleinen Bruder am Arm und zog ihn hinter sich in den Wald zurück. Sie rannte mit ihrem Bruder immer tiefer in den Wald hinein und versuchte die panischen Schreie ihrer Freunde zu ignorieren… Angsterfüllt blickte sie zurück und sah wie Sam stehen geblieben war und zu seiner Schwester Fleur zurück rannte. Dann sah sie einen Krieger der sein Schwert schwang,... Sam und Fleur waren tot. Hektisch zerrte sie ihren Bruder weiter. Timo weinte leise vor sich hin und Helena wäre am liebsten stehen geblieben und hätte versucht ihn zu trösten, doch das durfte sie nicht.

Helena sah nicht mehr weit von ihnen die Ruinen einer alten Burg in der sie manchmal spielten, sie ragte auf einem schroffen Berg empor, an dessen Fuß ein Fluss entlang floss. Sie ließ die Hand ihres Bruders los und rannte den Weg zu der Ruine hinauf. Zwischen Nischen und großen Felsbrocken konnte man bis an den Rand klettern. Dort führte die Bergwand senkrecht nach unten. Helena hörte ihren Bruder rufen: „Ela! Ela, wo bist du? ... Hilfe!  Ela!“ „Timo! … Timo!“, Helena blickte sich um, konnte ihn aber nicht entdecken. Nur die Wolfsreiter die auf ihren riesigen Wölfen den Weg zur Ruine ebenfalls herauf kamen.

Plötzlich sah sie den Nachtschatten, wie er auf etwas oder jemanden zu lief. Helena sah ihren Bruder hinter einem Fenster stehen und hinter ihm direkt der Abgrund. Der Nachtschatten machte einige Schritte auf ihren Bruder zu. „Timo!“, schrie Helena, Timo blickte zu ihr herüber und machte in dem Moment einen Schritt nach hinten, als der Nachtschatten nach ihm greifen wollte… und ihn verfehlte. Timo stürzte hinab, schlug einmal gegen die raue Felswand, bevor er auf einen Felsen prallte, der aus dem Fluss ragte.

Helena taumelte und suchte Halt, fand aber keinen. Sie stürzte zu Boden und blickte fassungslos zu ihrem Bruder hinunter. Nur verschwommen konnte sie seine Umrisse erkennen und wie die Strömung ihn erfasste und ihn ihr auf ewig wegnahm. „Nein! Nein, nein, nein.“, flüsterte sie entsetzt und schloss die Augen. Ihr Körper bebte vor Kälte und Leid. Tränen rannen ihr die Wangen hinab und einen letzten Blick warf sie ihrem Bruder hinter her, bevor sie ihr Bewusstsein verlor…

© by Isana Nadeya

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