Samstag, 20. Juni 2015

#6 Buchstabensalat

Auszug aus einer Kurzgeschichte
2. Sicht
(Valerian)


Er lenkte seinen Wolf in Richtung des brennenden Dorfes. Er war der Letzte der kam, wenige Schritte vor ihm stiegen die Flammen empor und Hitze schlug ihm entgegen. Er trieb seinen Wolf an und ritt in das Dorf hinein. Dort herrschte völliges Chaos. Überall lagen Sterbende und Tote und noch immer gab es Lebende die einen Ausweg aus dieser Hölle suchten.

Valerian stieg von seinem Wolf und bahnte sich seinen Weg durch das Dorf. Er konnte sie nirgends sehen. Wo war sie? Ithuriel hatte ihm gesagt, dass sie Eleanor sehr ähnlich sah. Blondes Haar und blau-grüne Augen, zierlich und engelsgleich. Er ging zum Rande des Dorfes und sah den Hügel hinunter in Richtung Wald. Sechs Kinder starrten ihn entsetzt an, sie wussten wer er war. Valerian erkannte unter ihnen das Mädchen, das er suchte, er drehte sich um und rief seinen Männern etwas zu, einige Wolfsreiter erschienen und mit ihm sein Wolf. Er stieg auf und folgte den flüchtenden Kindern.

Der Mondschein drang nur schwach durch das Blätterdach und auch der helle Schein des Feuers fand nicht den Weg in den Wald hinein, so dass Valerian bald im Dunkeln ritt und sich nur an dem Gejammer der Kinder und ihren panischen Schritten orientieren konnte. Einige Minuten später trug ihn sein Wolf auf eine riesige Lichtung. Nur wenige Schritte von ihm entfernt, führte ein Weg zu einer Ruine hinauf. Die Ruine ragte auf einem schroffen Berg empor, an dessen Fuß ein Fluss entlang floss. Zwischen Nischen und großen Felsbrocken konnte man bis an den Rand klettern. Dort führte die Bergwand senkrecht nach unten. Er hörte den kleinen Jungen, der mit ihr zusammengelebt hatte, rufen: „Ela! Ela, wo bist du?“ Als der kleine Junge ihn entdeckte schrie er panisch auf und rief weiter nach ihr: „Hilfe! Ela!“ Der kleine Junge stand gefährlich nahe am Abgrund… Valerian stieg von seinem Wolf und lief auf den Jungen zu, sein Bruder hatte zwar gesagt nur sie, aber vielleicht konnte er den Jungen noch für etwas gebrauchen und wenn nicht, na ja, dann eben nicht… Der kleine Junge schaute ihn mit vor Entsetzen geweiteten Augen an. Valerian lief es eiskalt den Rücken runter. Der Junge hatte wirklich panische Angst vor ihm. So viel Angst hatte er in den Augen eines Menschen noch nie gesehen. Den Menschen denen er begegnet war, hatten Angst vor dem Tod, aber dieser Junge verspürte mehr als Todesangst. Wie in einem Alptraum kam Valerian sich vor, nur dass er nicht der Träumende war, sondern das Monster, das von allen gefürchtet wurde…

„Timo? Timo, ich will dir nichts tun. Wirklich!“, sagte er leise zu ihm, darauf hoffend etwas zu erreichen, doch der Junge schüttelte den Kopf und blickte zu ihr herüber, bevor er einen Schritt nach hinten machte. Valerian streckte schnell den Arm nach ihm aus und wollte ihn packen, doch seine Fingerspitzen streiften nur den Hemdkragen des Jungen. Er stürzte hinab und schlug einmal gegen die raue Felswand. Sein Schrei ging Valerian durch Mark und Bein. Danach prallte er auf einen spitzen Felsen, der aus dem Fluss ragte. Einige kleine Wellen spülten über ihn hinweg, ehe ihn die kräftige Strömung erfasste und davon trug. Bestürzt starrte Valerian dem kleinen toten Körper des Jungen nach, bevor die Dunkelheit ihn verschluckte.

Er suchte sich seinen Weg durch die Trümmer der Ruine zu dem Mädchen hin. Helena lag zusammengekauert auf dem Boden, sie war bewusstlos. Er hob sie vorsichtig hoch und suchte mit seinem Blick die Gegend ab. Seine Männer waren verschwunden, nur sein Wolf wartete geduldig auf ihn. Valerian ging langsam auf ihn zu, stieg auf und ließ sich von ihm von diesem schrecklichen Ort davon tragen.

Er ritt die ganze Nacht hindurch. Helena war aus ihrer Bewusstlosigkeit in einen tiefen Schlaf übergegangen. Erst als die ersten Strahlen der Sonne den Weg vor ihm erhellten, hielt Valerian an. Er war noch immer im Wald, noch zwei Tagesritte bis zur Nebelstadt. Er trieb seinen Wolf wieder an. – Nach etwa zwei Stunden rührte sich Helena. Sofort hielt Valerian an und stieg von seinem Wolf. Er hüllte Ela vorsichtig in seinen Mantel und legte sie hinter einigen Büschen versteckt auf den Boden. Einen kurzen Moment beobachtete er sie. Sie sah aus wie eine kleine Fee, so friedlich und unschuldig. Unberührt von alldem was passiert war…

Valerian wandte sich von ihr ab, stieg wieder auf seinen Wolf und ritt davon. Sie war traumatisiert, sie hatte ihre Familie verloren und hatte gesehen wie ihr Bruder getötet wurde und er war daran schuld.
Schwere lastete auf ihm. Das Bild des toten Timos wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen, es war falsch gewesen und doch hatte er etwas getan, was er nie hinterfragt hatte,… bis jetzt.
 
 © by Isana Nadeya

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Kommentare:

  1. Geht das noch weiter??? Irgendwann...? Das ist nämlich echt gut und irgendwie ist das Ende ziemlich ... endlos!

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  2. Es existiert zwar eine Kurzgeschichte, aber eine relative unfertige Geschichte, die ich noch gerne überarbeiten möchte. Das könnte ich jetzt natürlich noch als Nebenprojekt in Angriff nehmen und die ganze Kurzgeschichte hier veröffentlichen, aber jetzt sofort wird das nicht passieren, weil es da auch noch andere Projekte gibt und ich beim Weiterschreiben immer nach Lust und Laune wähle wo ich weiter schreiben möchte. Wirst dich leider noch ein bisschen gedulden müssen :-) aber wirklich schön, das es dir gefällt!

    LG
    Isana

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