Montag, 22. Juni 2015

#7 Buchstabensalat

2. Ausschnitt aus Sonnengold



Der Schnee fiel immer dichter, der Wind riss an ihrem Umhang und wirbelte Schnee auf. Lia konnte durch das wirbelnde Weiß schwach die dunklen Umrisse der Berge erkennen. Nur langsam kam sie voran, sie konzentrierte sich auf die Erdmagie in ihrem Inneren und ließ sich von ihr führen. Wie aus dem Nichts drangen flüsternde Stimmen auf sie ein, sie wurden lauter, dringlicher, wuchsen zu einem Sturm aus Schreien und verstummten mit einem Schlag. Selbst das Schneetoben hatte aufgehört, es herrschte Stille.
Lia konnte die Erdmagie spüren die die Luft um sie herum zum Flimmern brachte. Dann erklang ein Gesang, der Lia zum Weinen brachte. Die Melodie klang so rein und unberührt, in Worten himmlischen Wissens, unendlicher Traurigkeit und einer unüberwindlichen Hoffnung auf Vollendung, gedeutet. Gleichgültigkeit und Gelassenheit überkamen Lia und ließen sie zur Ruhe kommen. Sie setzte sich einfach auf einen Stein und lauschte den Stimmen göttlicher Wesen. Selbst als die Nacht hereinbrach erstarb der ergreifende Gesang nicht, im Gegenteil, er schien nur umso mehr tiefsinniger zu werden, je dunkler es wurde. Im silbernen Licht des Mondes verwandelte sich der Ort zu einer Stätte des Friedens.
 
Lia meinte dieses unbeschreibliche Gefühl beinahe greifen zu können, doch eine plötzliche Stimme vertrieb die angenehme Stille und brachte Trauer und Enttäuschung mit sich. „Liadán, kehre um. Dieser Ort ist den Toten vorbestimmt, vergesse nicht die Lebenden und folge deiner Bestimmung.“ Wie ein Schlag ins Gesicht fühlte sich die beißende Kälte, die sich ihrer Glieder bemächtigt hatte, an. Erschrocken keuchte Lia auf und taumelte einige Schritte, bevor sie ihre Orientierung wieder fand. Sie fühlte sich entkräftet, denn die Kälte hatte ihr jegliche Kraft geraubt. Lia sehnte sich nach der beschützenden Wärme und der Sorglosigkeit von eben. Doch sie wusste, dass die Erdmagie an diesem Ort sie fast ihr Leben gekostet hätte. Wofür lebte sie, wenn nicht für Wahrheit und Gerechtigkeit? Frieden fände sie nur im Tod und noch hatte sie ihr Ziel nicht erreicht und würde weiterhin für ihren rechtmäßigen Platz im Leben kämpfen.

© by Isana Nadeya

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