Samstag, 23. Juli 2016

Das Märchen von der bösen Königin (1. Teil)

Prolog

Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

„Bitch, please! Nein, ich habe sie getötet. Ich bin die böse Königin! – Schon klar, Moral und so. Kinder müssen lernen, dass Freundlichkeit und Güte ehrbare Tugenden sind. Hah! Ich bitte dich, Schätzchen. Stärke, Intelligenz und Macht sind die einzigen Eigenschaften die wirklich zählen! Im Angesicht des Todes ist es sicherlich nicht die Güte und Freundlichkeit der süßen, lieblichen Bauerntochter oder der verstoßenen Prinzessin, die an der Gnade der bösen Königin appelliert, die ihr das Leben retten. Nein. Es ist das Vergnügen, dass ich habe, zu wissen, dass ich die böse Königin bin. Mächtig und unbesiegbar! Kein blondes Prinzesschen, keine schwarzhaarige Schönheit wird nie auch nur den Hauch einer Chance haben mir meinen Thron zu rauben. Schließlich ist Schönheit nicht alles, auch wenn sie helfen können. Stärke, Intelligenz, Gerissenheit und Macht, die wahren Mittel zum Zweck. Life is hard and unfair. Das habe ich schon sehr früh gelernt. Das was ich nicht hatte, habe ich mir geholt. Ich bin ehrgeizig. Ich kämpfe für das, was mir wichtig ist. Und ja, ich liebe schöne Kleider, Schuhe und Gift. Ich bin nicht böse. Zumindest nicht mehr als andere. Alles eine Frage des Blickwinkels. – Wusstest du, dass Schneewittchen ein arrogantes Miststück war? Aschenputtel war machthungrig und äußerst geldgierig, sie hat nie den Hals voll genug bekommen. Nie davon gehört? Dann hat man dir die falschen Märchen erzählt. Nun, ich werde dir mein Märchen erzählen.


Das Märchen von der bösen Königin

Als junges Mädchen lebte ich hoch im Norden, am Horizont war das unüberwindbare Nordgebirge zu sehen. Grauer Fels bedeckt von einer dicken Schneeschicht, gewaltige Gletscher, glitzernde Eismassen und der stürmische Nordwind, der den Schnee hin und her wirbelt, Eis schleift und durch tiefe Schluchten heult. – Das Leben im Norden ist hart und Kinder lernen früh, dass nur der Stärkere lebt. Alles Schwache wird von der Kälte und den schweren Lebensbedingungen im Keim erstickt. Es gibt die kalten Monde und die regnerischen Monde. In den kalten Zeiten verschwinden die Häuser des kleinen Dorfes im Schnee und die Menschen leben für sechs Monde in völliger Finsternis und Stille. Manche ersticken, weil der Schnee schwer und bleiern jegliches Licht und Luft aussperrt. Manche sterben vor Hunger, andere erfrieren und einige töten sich und ihre Familien selbst, weil sie zu schwach sind um zu Kämpfen. Wenn dann der Schnee schmilzt und das Licht zurückkehrt, beginnen die regnerischen Monde. Der Erdboden durchweicht, Nebel hängt Tag und Nacht wie dicke Spinnenweben im Tal fest. Der Wind braust heulend um die Häuser. Regen prasselt auf die Dächer nieder. Die Menschen dort leben mit dem Tod zusammen. Es vergeht kein Tag an dem nicht mindestens einer stirbt.

Ich wurde in der Finsternis der kalten Monde geboren. Die Schreie meiner Mutter zerrissen die schwere Stille, als sie mich hinaus in diese kalte, ungnädige Welt presste. Sie starb wenige Tage an Entkräftung, ihr Körper war aufgezehrt, nur noch Haut und Knochen, ihre Wangen eingefallen, ihr Haar farblos und bleiche, dünne Finger, die kraftlos eine Kette hielten. Eine silberne Kette mit einem roten Rubin, der von silbernen Ornamenten umschlossen wurde. – Trotz der Umstände und aller Erwartungen starb ich nicht. Ich war ein Kind der Finsternis, des Leides und des Elends. Ein Kind, das den Tod berührt und sich für das ewige Leben entschieden hatte. Ich wuchs und lernte schnell. Nach den sechs Monden der Finsternis entsprachen mein Körper und mein Verstand der einer sechs Jährigen und ich war bereit in der Dorfschule unterrichtet zu werden. Doch mein schnelles Altern hielt an und endete erst 21 Monate nach meiner Geburt. Ich war nun eine junge Frau. Ausgestoßen, weil man meine Schönheit und das Altern an mir fürchtete. Menschen fürchten immer das, was sie nicht erklären können und ihnen fremd ist. – Selbst mein Vater verabscheute mich und nach dem Tod meiner Mutter verfiel er dem Alkohol. Er vernachlässigte mich, schlug und prügelte auf mich ein, ließ mich hungern und so lernte ich schnell auf eigenen Füßen zu stehen. Schließlich brachte ich aber meinen Vater um, nachdem er versucht hatte sich an mir zu vergreifen und mich zu schänden. Ich schlug in panischer Angst auf ihn ein und er fiel, stieß sich den Kopf und verlor sein Bewusstsein. Ich wusste, wenn er erwachte, würde mein Leben zur Hölle werden und nehmen konnte ich mir es nicht, auch wenn ich wollte. Ich nahm das größte Messer, das ich finden konnte und stach damit auf ihn ein. Immer und immer wieder. Er stöhnte leise auf und seine Brust hob und senkte sich nur noch einmal, dann starb er.

Überall war Blut. Auf dem Mann, der sich mein Vater genannt hatte. Auf dem Boden, an dem Messer und auch an mir. Ich ließ das Messer fallen, wusch mich und packte meine Sachen und lief fort. Ich drehte mich nicht um und kehrte auch nie wieder zurück. Ich floh in das Nordgebirge, suchte mir einen Ort der zu meiner kühlen und doch impulsiven Art passte. Ich fand ihn. Tief unter der Erde in einer Tropfsteinhöhle an einem See, dessen Wasser so rein und klar war, dass ich bis auf den Grund sehen konnte. Die Höhlendecke wölbte sich über mir zu einer riesigen Kuppel und direkt über dem See öffnete sie sich. Tagsüber, wenn die Sonnenstrahlen auf das Wasser fielen und alles in ein helles, goldenes Licht tauchte, zog ich mich tiefer in die Dunkelheit zurück und träumte. Nachts saß ich am Ufer und betrachtete das Abbild der Sterne auf dem Wasser. – Ich starb nicht, denn man hatte mir das ewige Leben geschenkt. In dem Moment, in dem ich geboren wurde, hatte der Tod seine Macht über mich verloren und war zu einem Teil meiner selbst geworden.

Jahre vergingen und ich schöpfte meine Kraft aus der reinen Schönheit der Natur. Ich fand Gefallen daran die Menschen aus der Ferne zu beobachten. Tage und Nächte verbrachte ich sitzend auf einem Stein und herabblickend auf den See, der mir die Menschen zeigte. Meist waren es sieben Tage und Nächte, die ich dem See widmete und drei Tage und Nächte an denen ich träumte. Ein Jahrhundert war vergangen, als er mich fand.

***
Über Rückmeldung würde ich mich wie immer freuen! :-)

Teil 2

Kommentare:

  1. Hey :)

    Ich muss schon sagen, das ist ein Geschichtsanfang, wie ich sie mag! Bissiger Witz? Untypische Charaktere? Ja!! Kann es zufällig sein, dass du vlt. von ,,Die dunkle Königin" etwas inspiriert wurdest? Ich habe die Bücher zwar noch nicht gelesen, aber irgendwie hatte ich jetzt beim Lesen gleich diese Reihe vor Augen :)
    Schreib weiter so!

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    1. Dankeschön! :-D Und nope, kenne ich nicht. Finde bei Google nur den achten Band von "Das Lied von Eis und Feuer" und den meinst du nicht. Den hast du ja schon gelesen. Wie heißt den der Autor/ die Autorin?

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    2. Oh mann, da hat maein Chaoskopf etwas total durcheinandergebracht - ich meinte natürlich ,,Die 13. Fee", wo es ja im Inhalt um eine böse Königin geht.

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    3. Vielleicht ein bisschen XD "Die dreizehnte Fee" von Julia Adrian kann ich dir nur wärmstens ans Herz legen! Sie ist eine fantastische Märchenerzählerin!

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