Mittwoch, 28. März 2018

Frauen dürfen hier nicht träumen

Frauen dürfen hier nicht träumen - Mein Ausbruch aus Saudi-Arabien, mein Weg in die Freiheit
Rana Ahmad


Format: Klappbroschur

Seiten: 320

Preis: 16 EUR

Erscheinungsdatum: 15.01.2018

Verlag: btb Verlag

ISBN: 978-3-442-75748-0


Inhalt: Flirrende Hitze, in der Sonne glitzernde Wolkenkratzer: Saudi-Arabien ist eines der reichsten Länder der Welt. Beherrscht von Scharia und der Religionspolizei. Als Zehnjährige muss Rana sich zum ersten Mal verschleiern. Sie soll die Sonne auf der Haut nicht mehr spüren, darf ohne männliche Begleitung nicht mehr auf die Straße. Rana fehlt die Luft zum Atmen, sie beginnt zu zweifeln: an Gott. Darauf steht in Saudi-Arabien die Todesstrafe. Auch deshalb beschließt sie auszubrechen.

Meine Meinung: Mir fällt es unglaublich schwer, das was ich gelesen habe und das was ich dabei empfunden habe in Worte zu fassen. Saudi-Arabien ist eine vollkommen fremde Welt und vor allem Kultur für mich. Dokumentationen und Artikel können einem zwar genau erklären wie die Stellung der Frau in diesem Land ist und was ihnen erlaubt ist und was nicht. Aber ihr Leid und den Schmerz, die Unterdrückung... wirklich zur Geltung kann es nur durch den Bericht einer Frau kommen, die es selbst erlebt hat. Rana Ahmad wählt einfache Worte um ihre Vergangenheit dort zu beschreiben, die Erfahrungen die sie gesammelt hat. Einfach und ungeschönt. Brutal und fast unvorstellbar.


Am meisten gekämpft habe ich mit Kapiteln, die den sexuellen Missbrauch an den Frauen schilderten. Jede Frau (der Mittel- oder Unterschicht) in Saudi-Arabien erlebt mindestens einmal in ihrem Leben sexuellen Missbrauch, Belästigung und/oder Gewalt innerhalb der Familie. Es ist schon fast "normal", dass eine Frau von ihrem Vater, Bruder, Onkel, Cousin, Ehemann und/oder Schwiegervater etc. misshandelt, belästigt oder verprügelt wird. Und sollte eine Frau deswegen zur Polizei gehen, kann sie keine Hilfe erwarten. Da das Wort eines Mannes mehr zählt als das einer Frau. Sollte also die Polizei einen Mann fragen, ob er eine Frau sexuell belästigt/misshandelt oder verprügelt hat, dann braucht er nur "Nein" zu sagen und die Polizei glaubt ihm und die Sache hat sich für die Polizei erledigt. Für die Frau ganz sicherlich nicht. Die kann sicher sein, dass sie dafür bestraft wird. - Rana Ahmad erklärt in einem Interview:
"Wenn man Frauen und Männer von klein auf streng voneinander trennt, wenn es keine legitime sexuelle Freiheit gibt und wenn man keinerlei sexuelle Erziehung lehrt, dann ist es doch völlig klar, wie so eine Gesellschaft in Bezug auf sexuelle Dinge funktioniert. Viele Mädchen werden von ihrem Vater, ihrem Bruder oder anderen Familienmitgliedern misshandelt oder missbraucht."

Frauen werden nicht einfach nur unterdrückt. Sie sind Menschen zweiter Klasse. Sich selbst schön finden oder seine eigene Weiblichkeit feiern und leben ist haram, verboten durch die Scharia. Eine Frau braucht in der Regel die Erlaubnis ihres Ehemannes oder Vaters, darf nur in Begleitung eines männlichen Verwandten und voll verschleiert mit einem Niqab in die Öffentlichkeit und jeder Verstoß wird durch die Religionspolizei bestraft, mit Peitschenhiebe. Eine Frau bringt Schande über sich und ihre Familie, wenn sie gegen diese Regeln verstößt und auf Atheismus steht die Todesstrafe.

"Für mich wird diese Freiheit nie selbstverständlich sein. Vielleicht ist das das Geschenk, das ich als Entschädigung für all das bekommen habe, was ich ihr opfern musste."

Am meisten beeindruckt hat mich Rana Ahmads Beziehung zu ihrem Vater, der absolut anders ist als die meisten Männer in Saudi-Arabien. Er unterstützt seine Tochter was ihre Bildung und eine Jobsuche betrifft; lässt sie von ihrem Ehemann scheiden, als er sieht, wie sehr sie unter der Ehe psychisch zu leiden hat; liebt und achtet sie; verprügelt und missbraucht sie nicht und verstößt sie auch nicht, als sie flieht und öffentlich im Internet bekannt wird, dass sie Atheistin ist und somit auch Schande über ihre ganze Familie bringt. Er liebt sie weiter. Und ich persönlich denke, dass diese Beziehung zu ihrem Vater, Rana Ahmad ganz viel Kraft gegeben hat und noch immer gibt und auch sehr wichtig in der Hinsicht ist, dass Rana nicht an ihren Lebensumständen in Saudi-Arabien zerbrochen ist.


Rana Ahmad ist eine starke, kluge und selbstbestimmte Frau. Ein beeindruckendes Vorbild und an Mut wohl kaum zu überbieten. Auch wenn ich als Leserin durch ihren Instagram Account bereits wusste, dass sie alles mehr oder weniger heil übersteht, saß ich oft da und habe beim Lesen gezittert, weil ich Angst hatte, was als nächstes wohl passiert. Und umso schöner und erfreulicher ist es zu sehen, wie gut es ihr jetzt geht und wie sie wortwörtlich als selbstbestimmte Frau aufblüht und ihre Weiblichkeit wirklich lebt und nicht mehr zu verstecken braucht.

Ich habe sehr viel aus diesem Buch gelernt. Es hat mich in meinen Lese-Pausen (ich musste das Buch zweimal unterbrechen, weil es mich so mitgenommen hat) immer noch beschäftigt und das tut es auch jetzt noch, nachdem ich es beendet habe. Es hat mir vor Augen geführt, was für ein wundervolles und behütetes Leben ich hier Deutschland führe, trotz Sexismus und Ungerechtigkeiten wie zum Beispiel Gender Pay Gap. Es hat aber auch in mir den Wunsch geweckt, mich für Frauen in Saui-Arabien einzusetzen. Ich möchte ihnen helfen und sie unterstützen, wenn sie sich zum Beispiel dazu entschlossen haben zu fliehen. Denn nicht allen Frauen gelingt es. So weiß man bis heute nicht, was unter anderem mit Dina Ali passiert ist. Man kann nur mutmaßen. - Ich denke darüber zu sprechen oder zu lesen ist schon mal der erste, kleine Schritt in die richtige Richtung!

Fazit: Das Buch ist nervenaufreibend, bedrückend, brutal und ungeschönt. Es ist aber auch wichtig. Es ist die Geschichte einer Frau und ihrem Weg in die Freiheit und zur Selbstbestimmtheit. Und ich kann nur jedem raten es zu lesen.

Vielen Dank an das Bloggerportal von Randomhouse für das Rezensionsexemplar!

Kommentare:

  1. Wie wichtig es ist, dass du deine Bloggerplattform nutzt, um ihre Stimme lauter zu machen. Da bin ich ganz bei dir.

    Hin und wieder gerate ich trotzdem in einen Zwiespalt - natürlich muss man ihre Geschichte erzählen, natürlich muss man Saudi-Arabien kritisieren und den Frauen dort alle Hilfe zukommen lassen, die sie brauchen, um selbstbestimmt leben zu können. Das steht außer Frage.

    In einer Zeit, in der anti-muslimische Propaganda aber so hoch im Kurs steht, komm ich nur auch nicht drumherum, mich zu fragen, wofür ein solcher Aktivismus auch missbraucht werden kann.

    Selbstverständlich ist es nicht "der Islam", der Frauen unterdrückt, sondern Menschen, die ihn auf eine menschenfeindliche Weise auslegen und ausleben, und Regierungen, die sich das zunutze machen, obendrein. Und ich unterstell weder dir, noch dem Buch irgendwelche antimuslimische Ressentiments. Es kann auch den Aktivismus überhaupt nicht ausbremsen dürfen.

    Aber es braucht eine gewisse Awareness, schätze ich. Um die Debatte in der Rezeption solcher erschütternder und erschreckender Geschichten in einem Kontext zu halten, der möglichst wenig rassistisch ist. Weil wir alle schon die Schlüsse gehört haben, die aus solchen Erzählungen auch gezogen werden, nach der jede Verschleierung sofort Unterdrückung ist - was selbstverständlich anmaßend ist, weil es den Frauen abspricht, ihre Religion auf freigewählte Weisen ausleben zu können. (Und ich will dir gar nicht unterstellen, dass du die Awareness nicht hast oder so! Ich denke hier nur grade laut vor mich hin!)

    Ach ja! Da gibt's noch so viel zu lernen, so viel an Feingefühl zu entwickeln. Aber die Diskussionen überhaupt anzustoßen mit Büchern wie diesem und Rezensionen dazu, das ist so wichtig.

    Einen wunderschönes Wochenende wünsche ich,
    Kira (skepsiswerke)

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    1. Vielen Dank für deinen klugen und so gut durchdachten Kommentar!

      Es ist wirklich wichtig, dass man da genau differenziert zwischen den Muslimen, die ihren Glauben friedlich und auf eine Weise ausleben, die andere Menschen nicht ihrer Rechte und Freiheiten beraubt und zwischen denen, die den Islam so auslegen, dass andere darunter leiden. Und genau wie du geschrieben hast, ist es nicht die Religion selbst, sondern die Menschen.

      Elif (eelifant auf Twitter) hatte schon etwas sehr ähnliches kritisiert. Und leider stimmt es, dass viele gerade solche Berichte für eine anti-muslimische Propaganda missbrauchen und Frauen ihre Selbstbestimmung nehmen. Da ist noch viel Awareness-Arbeit nötig.

      Ich stimme dir da auf jeden Fall zu und freue mich, dass du deinen Gedankengang mit mir und anderen geteilt hast! :-)

      Liebe Grüße und auch dir ein schönes Wochenende!
      Hanna

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  2. Wow, das klingt wirklich heftig. Es ist immer eine andere Sache, etwas aus den Nachrichten zu wissen, oder es direkt von Betroffenen zu hören. Ich weiß sehr wenig über Saudi-Arabien, aber deine Rezension macht mich sehr neugierig auf dieses Buch. Generell interessieren mich aktuell Bücher sehr, in denen es um Frauen gibt, die für ihre Selbstbestimmung kämpfen. "Ich bin Malala" steht zum Beispiel bei mir auch noch auf dem Plan und dieses hier werde ich direkt mit auf die Liste setzen.
    Tolle Rezension, danke dafür!

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  3. Das Buch möchte ich auch noch lesen. Ich finde es so traurig, dass es immer noch Orte auf der Welt gibt, wo Frauen Bürger zweiter Klasse sind...

    Viele #litnetzwerk Grüsse,
    Silke

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